6. future!publish: Berlin – 14./15. Januar 2021

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Apr

Lesen in der Quarantäne – Teil 8

Für den Samstagsbeitrag unseres Quarantäneblogs habe ich mich mit Hans-Peter Kunisch unterhalten. Hans-Peter ist promovierter Philosoph sowie Germanist und Theaterwissenschaftler. Seit vielen Jahren schreibt er Literaturkritiken, unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Zeit“ und den „Tagesspiegel.

Was ich an seinen Kritiken das Faszinierendste finde: Ich kenne eigentlich keine Verrisse. Wenn er Schreibenden und ihrer Arbeit begegnet und davon erzählt, dann auf eine neugierige, wohlwollende Art.

Hans-Peter ist auch selbst Autor. Sein Debütroman hat 1. einen wunderbaren Titel: „Die Verlängerung des Marktes in den Abend hinein“ und 2. im Personal u. a. eine Kuh, die sich in Kunstbetrachtung übt. Ich finde, das allein genügt als Werbung. (Und auch sonst ist das Buch natürlich überaus lesenswert.)

Jetzt gerade – in einer Zeit, in der es „neugeborene“ Bücher nicht eben leicht haben – ist von Hans-Peter „Todtnauberg“ erschienen. Davon und vom Schreiben in der Quarantäne kann er aber am besten selbst erzählen.

Wie arbeitet es sich im Home Office? Was hat sich für Dich im Alltag besonders verändert?

Ich fühle mich manchmal wieder wie vor Jahren in der Schweizer Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin und wo man abends nirgends hingehen konnte. Das Besondere an einer mehr oder weniger funktionierenden großen Stadt ist ja, dass man immer etwas findet, was man tun könnte und trotzdem all das nicht muss, weil morgen schon wieder etwas anderes da ist. Das entspannt.

Am Schreiben zu Hause ändert sich nichts. Tagsüber kann ich zur Entspannung noch immer ab und zu Tischtennis spielen. 2,70 Meter Distanz!

Schade ist, dass ich für ein neues Buch gerade nicht recherchieren kann. Ich müsste nach Tschechien, Österreich, Polen …

Hast Du Tipps für Kolleg*innen in der Branche, wie man kreativ mit der aktuellen Situation umgehen kann?

Eigentlich nicht. Vielleicht: Pausen machen, wann man will. Und: keine Serien anschauen, sondern lesen oder sich alle guten Filme ansehen, die irgendwo zugänglich sind. Wenn noch jemand anderes da ist: sich zu Hause aus dem Weg gehen lernen.

Gerade ist von Dir „Todtnauberg“ erschienen – ein Buch, in dem es um die wundersame Begegnung von Paul Celan und Martin Heidegger geht. Kannst Du kurz von diesem Buch erzählen?

Das Buch versucht herauszufinden, was Celan, der Jude und Sohn von Holocaust-Opfern, am ehemaligen Nazi-Rektor und langjährigen Antisemiten Heidegger fand. Und es erzählt von den beträchtlichen Spannungen zwischen den beiden. Das heißt: Es ist so etwas wie eine hochexplosive Geschichte von enttäuschter Zuneigung und, von Seiten Heideggers, mal leutseliger, mal trotziger, immer etwas verlogener Verweigerung.

Leider sind natürlich bisher alle Lesungen ausgefallen, was die Freude darüber, dass das Buch erschienen ist, etwas leiser macht. Immerhin gibt es jetzt am Sonntag, dem 5. April, abends um 7, auf der Facebook-Seite des Verlags ein Live-Streaming. Eine Premierenlesung im Internet …

Ist „Todtnauberg“ auch im Home Office entstanden?

Geschrieben habe ich es meist „zu Hause“, also in Innenräumen, wo auch immer. 

Beim Überlegen, Entwerfen bin ich aber gerne „woanders“. Für das Buch musste ich Einiges recherchieren, reisen, viel lesen. Auch das mache ich gerne „draußen“. Täglich in ein Büro zu gehen, um etwas zu tun, wäre nach all den Jahren Home Office eine schwierige Vorstellung …

Vielen Dank für das Gespräch. Ich sehe Dich dann morgen bei der Premierenlesung! /mv

Unser Gesprächspartner (Foto: Christiane Beyer)

 

 

 

 

 

 

 

Hans-Peters aktuelles Buch